Schlaf Sajra schlaf

Schlaf Sajra schlaf

Vor ein paar Wochen habe ich Euch auf Instagram über unser neues „Zubettgehritual“ berichtet. Wie wir es geschafft haben den Einschlafprozess von etwa bis zu zwei Stunden auf nicht einmal 20 Minuten zu reduzieren und wie von der neu gewonnen Lebensfreude und Energie die ganze Familie profitiert, erzähle ich Euch heute.

Eines möchte ich vorab jedoch noch loswerden. Nichts liegt mir ferner, als andere Mütter zu irgendeiner Methode „bekehren“ zu wollen. Jede Mutter hat die Wahl, wie Sie mit Ihrem Kind umgeht und wie Sie es mit dem Schlafen halten möchte. Ich teile nur meine Erfahrung und Informationen mit Euch. Niemand sollte etwas gegen seine Überzeugung oder gegen sein „Bauchgefühl“ tun. Intuition ist immer gut.  

Ich bin schon sehr lange unzufrieden gewesen. Unzufrieden und erschöpft. Einfach weil das Einschlafen mit Sajra an fast jedem Tag und zu fast jeder Nacht ein Kampf war. Ein gefühlt ewiger Kampf. Stundenlang versuchte ich mein Kind in den Schlaf zu schaukeln. Dass ich so nicht weitermachen wollte und konnte war mir schon lange bewusst, mir fehlte jedoch die nötige Kraft und Geduld, die so eine Veränderung besonders zu Beginn mit sich bringt.

Die Nächte in denen Sajra nämlich wirklich „durchschlief“ konnte ich an einer Hand, eher an einem Finger abzählen. Das war der WeltgedenkSajraSchlaftag, den werde ich nie vergessen. 

Manchmal dachte ich, sich mit der Situation anzufreunden würde vieles einfacher machen. Sich mit der Tatsache anzufreunden, dass mein Kind eben einfach zwei Stunden zum Einschlafen braucht. Doch ich wollte der wirklichen Tatsache nicht ins Auge blicken. Nämlich der, dass ein Kleinkind alleine in den Schlaf finden kann und irgendwann auch sollte. Schließlich ist Sajra kein Baby mehr.

Das ist nun eine Aussage, die sich für den oder ein anderen sicherlich „kalt“ oder „hart“ anhören mag. Doch diesen Weg den ich eingeschlagen, diese Veränderung, die ich unternommen habe – war das Beste, was ich jemals hab tun können. Für mich und für mein Kind.

Aber erst einmal reisen wir in die Vergangenheit zurück, denn dort hat alles angefangen. Angefangen hat es in den ersten Nächten im Krankenhaus, als Sajra auf die Welt kam.

Sajra war von Beginn an kein guter Schläfer. Die Nacht war definitiv nicht ihr Freund. Ich erinnere mich, wie als ob es gestern gewesen ist und zudem erinnere ich mich noch gut an manche Erzählungen anderer Mütter, dass Babys in den ersten Tagen sowieso nur am Schlafen sind.

Tja, Pustekuchen Azra, war mein Gedanke.

Ich ging jede Nacht aus dem Zimmer, weil Sajra nicht in den Schlaf fand und weinte, ich aber meine Zimmergenossinnen und deren Babys nicht wecken wollte. So spazierte ich Nacht für Nacht den Flur auf und ab. Summend, manchmal sitzend im Aufenthaltsraum, aber stets wippend. Und ich war glücklich. Die Strapazen der Geburt saßen mir noch in den Knochen, doch diese weitere schlaflose Nacht machte mir nichts aus. Denn das war, was ich wollte, was ich mir schon immer so sehr gewünscht habe. Ich wollte mein Baby in den Armen halten. Und sei es dass ich nie wieder schlafen werde, das war es wert für mich. So glücklich, dankbar und voller Hormone überflutet war ich.

Zuhause angekommen führten wir unser Ritual selbstverständlich weiter fort. Ich trug Sajra auf dem Arm bis sie wieder in den Schlaf fand. Unabhängig wie oft sie nachts wach wurde, ich stand wieder auf und trug sie unseren Flur auf und ab. Wie immer schaukelnd und singend. Dabei passierte es nicht selten, dass sie durch das Ablegen in ihr Bett wieder wach wurde.

Doch irgendwann nach sechs Monaten begann mein Körper zu protestieren. Ich hatte keine Kraft und auch keine Energie mehr. Ich war tagsüber lustlos und deprimiert. Zeichen von Schlafentzug. Hätte mein Körper damals nicht protestiert, würde ich wahrscheinlich heute noch den Flur auf- und abschreiten.

Irgendwann entdeckte ich beim Einkaufen zufällig einen Schaukelstuhl. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Das ist die Lösung! (Achtung Ironie!) Ich kann sie nicht mehr lange tragen, aber ich kann doch sitzen und das Schaukeln übernimmt nun der Stuhl. Perfekt.

Und so ging die Geschichte weiter. Ich ging nun eben keine Stunde oder auch zwei den Flur auf und ab, nun saß ich ein oder zwei Stunden, am Ende dann nur noch wie ein „Krüppel“ im Schaukelstuhl.

An manchen Abenden hatte ich vermutlich Glück und Sajra schlief schnell ein. An solchen Abenden genoss ich unser Schaukeln sehr. Ein schlafendes Kind im Arm entschädigt eben die weniger glanzvollen Momente des Tages. Beim Anblick der schlafenden Kinder denkt man ja immer: „Ach, die sind ja so süß“, auch wenn man sie kurz vorher noch verflucht hat. Doch leider waren solch entspannte Abende Seltenheit.

Nicht selten dagegen passierte es, dass ich im Schaukelstuhl in Tränen ausbrach, weil ich nicht mehr konnte. Weil ich mein Kind ja sogar anflehte doch endlich zu schlafen. Als ob sie mich verstehen würde. Nachdem Sajra dann irgendwann eingeschlafen ist, überkam mich immer mein schlechtes Gewissen. Weil ich so ungeduldig mit ihr war. Weil ich laut wurde. Ich fing an zu weinen. Ich hatte keine Kraft mehr und so fiel ich meist kurz nach Sajra auch in den Schlaf.

Lange! Etwa 20 Monate dauerte es, bis ich zum Entschluss kam etwas ändern zu müssen und etwas ändern zu wollen. Es aber auf sanfte Weise tun möchte.

Grundsätzlich wollte ich nicht, dass sich Sajra in den Schlaf weint. Ich hatte es einmal mit der Ferber Methode probiert, diese jedoch abgebrochen.

Jedes Kind kann schlafen lernen. Aber viel wichtiger, als zu erlernen, im eigenen Bett alleine die Augen zu schließen, ist doch, dass sie lernen, dass ihre Eltern sie beschützen.

Dass Schlafen etwas Schönes ist und das Bett ein gemütlicher Ort, das lernt man nicht, wenn man sich in den Schlaf schreien muss.

Ich ging wie gewohnt hoch, setzte mich mit Sajra in den Schaukelstuhl. Sie trank ihre Milch und ich sang unser Gute-Nacht-Lied vor. Danach betete ich für sie, gab ihr einen Kuss und legte sie wortlos in ihr Bett. Ich wollte ein Signal setzen, strich ihr einmal über ihre Stirn und sagte „Gute Nacht Sajra“ und verlies danach ihr Zimmer. Das war alles intuitiv.

Es war ruhig. Sie weinte nicht, was mich sehr verwunderte. Irgendwann fing sie an zu reden und ich hatte das Gefühl, dass sie gerade „herunterfährt“. Irgendwann wurde es still. Ich schaute nach und tatsächlich – sie schlief. Unglaublich. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Hat es so schnell geklappt? War die Lösung doch so simpel?

Am nächsten Abend wiederholte ich dasselbe Spiel. Schaukeln, Flasche, ein Lied, Gebet, Kuss – ins Bett. Danach setzte ich wieder unser Signal, strich ihr über ihre Stirn und verabschiedete mich mit den gleichen Worten wie am Abend zuvor.

Sajra fing kurze Zeit später an zu weinen. Ich betrat das Zimmer und fand sie stehend im Bett vor. Ich nahm sie ohne Worte und legte sie zurück in ihr Bett. Wieder ging ich. Es wurde still und es blieb tatsächlich auch dabei. Mir war wichtig, dass ich sie trösten komme, wenn sie weint. Sie soll wissen, dass ich da bin und dass alles in Ordnung ist.

Es gibt Abende da erzählt sie etwas und schläft kurz darauf ein. Manchmal weint sie und ich komme sie trösten. Aber ich habe sie seitdem nie wieder in den Schlaf schaukeln müssen.

Sajra schläft nun deutlich besser und wacht nachts seltener auf, vor allem ist sie viel ausgeglichener.

Erziehung ist kein Kampf, sondern Beziehung, Kontakt und Kooperation. Es geht um Liebe, Fürsorge und Gemeinsamkeit. Man braucht keine Angst haben, dass einem das Kleine Kind nie ohne unsere Hilfe einschlafen wird. Spätestens wenn unser Kind in der Pubertät ist und wir ihnen nur noch mega peinlich sind, können wir wohl froh sein, wenn wir uns noch auf Armeslänge nähern dürfen.  

Eure Azra