Dankbarkeit und Demut

Dankbarkeit und Demut

Mein erster richtiger Artikel für mondaylife. Besonders und persönlich soll er sein, dem Leser in Erinnerung bleiben und eine Art „Sinnbild“ für mondaylife werden.

Eines Tages im Juli 1992

A. nahm ihr gerade mal ein Jahr altes Kind auf den Arm. Es musste schnell gehen. „Schwiegermutter komm“ rief sie. Sie liefen den Berg hinab ins „Dorfzentrum“. Dort versammelten sich einige Frauen, die Zuflucht in einer Art Bunker suchten. Ein versteckter und sich von innen schließender Keller.

Jedoch liefen sie nicht. Es war mehr eine Art hektisches Gehen. Ein ungutes Gefühl lag in der Luft. Niemand wusste was sie wirklich erwartete. Fast alle Männer sind geflohen oder wurden in die Armee berufen. 

Auf einmal blieb A. stehen „Warte, ich muss zurück. Ihre Flasche holen, ich habe sie vergessen. Wer weiß wie lange wir in diesem Keller sind.“ Sie drückte ihr Kind in die Arme ihrer Schwiegermutter und lief zurück zum Haus.

Angekommen steuerte sie direkt das Schlafzimmer im ersten Stock an. Dort hatte sie die Flasche das letzte Mal gesehen. Sie bückte sich, sah die Flasche und im gleichen Moment hörte sie zwei Männerstimmen ins Haus kommen. Die Tür hatte sie in ihrer Eile offengelassen. Einer der Männer ging in Richtung Wohnzimmer und die andere Stimme näherte sich dem Schlafzimmer, in dem sie wie erstarrt am Boden saß.

Er kam immer näher und näher. Dann stand der Mann im Türrahmen ihres Schlafzimmers. Ein serbischer Soldat, erkannte sie sofort am Wappen seiner Uniform.

„Wo sind die Männer des Hauses?“ schrie er A. an. A. jedoch kriegte keinen Ton heraus. Der Soldat holte aus und schlug ihr ins Gesicht. Sie fiel auf das Bett. Seine Hände griffen nach seinem Hosenbund.

A. schloss die Augen, wimmernd und angsterfüllt versuchte sie Gebete zu sprechen. Doch immer wieder lenkte sie ihre Angst ab.

Auf einmal kam die zweite Männerstimme von unten herauf. „Komm – wir haben keine Zeit und müssen weiter!“

Der Mann sah zu A. und sprach leise: „Dieses Mal hast du Glück gehabt.“

Sie gingen.

A. verbrachte noch eine Weile und lief dann zu ihrer Tochter, so schnell sie konnte. Von dann an begann die Flucht.

A. ist meine Mutter. Und das ist nur eine ihrer Geschichten während der Flucht vor dem Krieg.

 

März 2017, 25 Jahre später

Ich lasse mir einen Kaffee rauß. Sajra ist gerade eben eingeschlafen und ich genieße meine Mittagspause. Ich esse eine Kleinigkeit und sehe aus dem Fenster. Die Sonne scheint und ich überlege mir, was ich heute Schönes mit meiner Tochter unternehmen kann. Ich habe das Glück, nicht arbeiten zu müssen. Das Privileg meine Tochter groß werden zu sehen. Mein Mann arbeitet und bringt das Geld nach Hause. Wir haben eine tolle Wohnung und es fehlt uns an nichts. Wir sind gesund.

Wir sind gesund und sicher. Wir leben in einem reichen Land. Einem Land, dass das Wort „Krieg“ nur aus den Nachrichten kennt. Ich ziehe mein Kind in einer ganz anderen Welt wie meine Mutter auf. Einem Land mit Gesundheits- und Bildungssystem. Einem Land, in dem nicht täglich Granaten fliegen. Einem Land mit Rechtssystem. Einem Land, in dem niemand hungern muss.

Natürlich ist nicht alles perfekt und es gibt vieles, was verbessert werden muss. Doch wenn wir unsere Scheuklappen abnehmen und uns ansehen, wie es in anderen Ländern aussieht, dann können wir gar nicht anders, als einzusehen: Es geht uns wirklich gut!

Die Geschichte meiner Mutter ist schwer zu beschreiben, schwer zu erzählen und noch schwerer muss es gewesen sein, sie zu erleben und zu verarbeiten.

Auch heute gibt es Länder in denen leider noch immer Krieg herrscht. Überall auf der Welt sterben unschuldigen Menschen. Menschen fliehen und sie sind gezwungen ihr Zuhause zu verlassen. Ihr Hab und Gut zurückzulassen und in eine fremde Welt zu gehen.

Uns Menschen der westlichen Länder geht es mehr als gut und dennoch sind wir mehr als unzufrieden.

Sieh dir an, was du hast – was dir jeden Tag geschenkt wird.

Es gibt jeden Tag etliche Dinge und Situationen, die nicht perfekt sind, komplett schief gehen oder uns aufregen. Und mindestens ebenso viele, für die wir dankbar sein können. Doch oft sind wir zu sehr mit der negativen Seite beschäftigt und es bleibt nicht viel Platz für die Dankbarkeit.

Ich bringe meine Tochter jeden Abend zu Bett. Sie hat eine Decke, auch wenn die Decke nach ein paar Stunden eher unter ihr wie auf ihr liegt. Sie liegt jedoch im Warmen und sie ist in Sicherheit. Sie ist gesund und wenn sie morgen aufsteht, kann ich ihr ein Brötchen schmieren und ein Glas Wasser geben. Es mangelt uns an nichts. Nur verschließen wir zu oft unsere Augen. Vor dem Wesentlichen.

Wir richten unseren Fokus zu oft auf das, was uns fehlt. Und wir meckern auf sehr hohem Niveau. Wir sind ganz getrieben von der Vorstellung, dieses und jenes besitzen oder erreichen zu müssen, um glücklich zu sein.

Natürlich habe auch ich Vorstellungen, nach denen ich mein Leben ausrichte und auf die ich hinarbeite. Das ist auch gut und richtig so, denn Entwicklung ist genauso wichtig wie das Innehalten.

Wir gewöhnen uns sehr schnell an etwas – doch wir sollten uns immer wieder vor Augen halten, dass nichts selbstverständlich ist. Wir können kein Anspruch darauf erheben, dass uns etwas lebenslänglich zusteht. Wir können nur »Danke« dafür sagen, wenn es uns einen Tag länger geschenkt wird. 

Es gibt so vieles, für das wir dankbar sein können: für die Schönheit der Natur, die uns umgibt. Dafür, dass wir tausende Emotionen erleben und erfahren dürfen. Für unsere Familie, unsere Kinder, für Freunde und für das Lachen eines Fremden auf der Straße. Für unsere Sinne, die uns jeden Tag in diese Welt eintauchen lassen. Dafür, dass wir die Fähigkeit besitzen, Dinge zu erlernen. Wir können lieben und weinen, reisen und heimkehren. Und noch vieles, vieles mehr.

mondaylife, weil jeder Tag besonders ist. Und weil wir für jeden Tag dankbar sein sollten.